Brückenbauer und ein Herzschlag Heimat

Die Karademirli Familie und das Konservatorium für türkische Musik Berlin (BTMK)


Von MARIA HEIDERSCHEIDT

Berlin, 23. September 2009. Musik braucht keine Sprache. Musik ist Sprache. Sie spricht von Herz zu Herz. Musik kann eine ewig währende, unzerstörbare Brücke zwischen fremden Kulturen sein, sie kann aus Fremden Freunde werden lassen, aber - sie braucht Brückenbauer und Transporteure, die sie von einer Kultur zu der anderen tragen.

Zwei Berliner aus der Türkei haben diese Aufgabe zu ihrer Herzensangelegenheit und zu ihrem Lebensinhalt gemacht: Nuri Karademirli und seine Frau Halime. Seit rund 40 Jahren leben sie in Berlin. Sie führten eine Elektronikfirma. Vor 14 Jahren verabschiedeten sie sich vom Geschäftsleben, gaben ihrem Leben eine neue Richtung, riskierten alles und gründeten im Berliner Stadtteil Kreuzberg das Konservatorium für türkische Musik Berlin (BTMK) – Berlin Türk Musikisi Konservatuari.

Aufgewachsen in der türkischen Kultur, mit der deutschen vertraut geworden, öffnen Karademirlis jetzt ihr Haus für jeden, der die türkische Musik kennen lernen möchte. Als erste kommen türkische Berliner. Sie lernen im Konservatorium, professionell betreut, die Werke der türkischen Musikkultur nicht nur kennen, sondern auch selber spielen und können so aus den Quellen der heimischen Kultur Kraft schöpfen.
Ihnen folgen Deutsche, Griechen, Italiener, Israelis, Engländer, Franzosen... Viele sind interessiert. Unter Nuri Karademirlis Anleitung machen sie sich mit den zunächst befremdlich klingenden Schöpfungen der türkischen Klassik, der vielfältigen türkischen Volksmusik und der religiösen Musik vertraut.

Im Konservatorium wird alles unterrichtet, was die türkische Musik ausmacht, in Theorie und Praxis. Wie hat die Familie Karademirli es geschafft, dass dieser bemerkenswerte, in Deutschland einzigartige Ort entstehen konnte?

Ein Wunderkind wird zum Meister der Oud

Nuri Karademirli, heute 60 Jahre alt, galt in Izmir als Wunderkind. Im Alter von fünf Jahren lernte er zunächst auf der Bağlama Volksmusik zu spielen. Suad Özbaltan, der Gründer von TRT Radio Ankara wurde auf die außerordentliche Begabung des kleinen Jungen aufmerksam, nahm ihn unter seine Fittiche und veranlasste ihn, von der Bağlama zur Oud zu wechseln. Das brachte die Hinwendung zur türkischen klassischen Musik. „Er war mein Entdecker. Er hat mir die Augen und die Ohren geöffnet" ist Karademirli ihm heute noch dankbar.

Vier weitere Meister der türkischen Musik förderten Nuri auf unterschiedliche Weise. Şerif Muhittin Targan, den die New York Herald Tribune als den "Paganini der Ud" feierte, lehrte ihn die Spieltechnik. Kadri Şençalar, Verfasser eines Lehrbuches für das Oud-Spiel, "Ud Öğrenme Metodu', liess ihn unterschiedliche Gefühlsqualitäten von Tonfolgen wahrnehmen. Prof. Alaeddin Yavaşça, die große Persönlichkeit im Kulturleben der Türkei, wurde sein Gesangslehrer und Yılmaz Tunç ermöglichte ihm eine religiöse Ausbildung und führte ihn in das Mevlutsingen ein. Auch Aşık Veysel, einer der legendären anatolischen Bağlamaspieler und Volkssänger, nahm den kleinen Jungen wahr. Der blinde Künstler saß vor dem Konservatorium, wenn Nuri zum Unterricht eilte und unterhielt sich mit ihm, ohne das dieser wusste, wer der blinde alte Mann war.

Mit acht Jahren gab Nuri Karademirli sein erstes Oud-Konzert und mit 13 Jahren begann er mit professionellen Musikern zu arbeiten. „Von da an habe ich mit meiner Musik Geld verdient" blickt er heute zurück. Mit 16 Jahren erhielt er die Anerkennung als Staatsmusiker und wurde beim staatlichen Rundfunk angestellt. Mit 19 Jahren brach er zu seiner ersten Konzert-Tournee auf. Sie führte ihn nach Berlin. Diese Reise gab seinem Leben eine unerwartete Wendung.

Ende einer Reise – Beginn eines Traumes

Nuri Karademirlis Vater, Kapitän Mehmet, war früh gestorben. So wurde der junge Künstler von seiner Mutter, Leman Hanım begleitet. Sie erkrankte in Berlin, mehrere große Operationen wurden nötig, sodass an eine Heimreise in die Türkei nicht zu denken war. Karademirli beendete seine Tournee und blieb in Berlin, bei seiner Mutter. Das war 1969. Er bemühte sich um eine Arbeitserlaubnis, fand Arbeit als Verkäufer in einem großen Kaufhaus und spielte in seiner freien Zeit in türkischen Lokalen für seine Landsleute auf der Bağlama alles, was sie hören wollten – Volksmusik, Arabeske (türkischer Pop) und Klassik. In dieser Zeit verabschiedete er sich von der Vorstellung, als türkischer Musiker die türkische Musik auf Konzert-Tourneen im Westen bekannt zu machen. Zunächst.

Im Jahr 1978 gründet Karademirli einen eigenen Chor für klassische türkische Musik, der schnell auf 80 Mitglieder anwächst. Geprobt wird in einem Gymnasium im Wedding, Konzerte folgen.1983 ruft er gemeinsam mit türkischen Musikern zwei Vereine ins Leben, in denen sich türkische Künstler organisieren können: den „Türk Musiği ve Kültür Derneği" (Verein für türkische Musik und Kultur) und den „Türk Sanatkarları Derneği" (Verein für türkische Kunstschaffende). Jetzt holt er berühmte türkische Künstler nach Berlin wie Zeki Müren, Bülent Ersoy, İbrahim Tatlısı, Neşet Ertaş. Sie begeistern türkische und deutsche Zuhörer.

Immer öfter wird der Oud-Virtuose gebeten, klassische türkische Musik zu unterrichten, doch Privatunterricht ist in seinem Zuhause nur begrenzt möglich. Halime und Nuri Karademirli spüren, dass die Zeit für eine Veränderung reif wird. Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen, einem Traum Raum zu geben, den Nuri Karademirli nie aufgegeben hat: die türkische klassische Musik im Westen bekannt zu machen.
Denn obgleich seit rund 200 Jahren, zunächst im Osmanischen Reich, danach verstärkt unter Atatürk, dem Gründer der Republik Türkei, in der Türkei die westliche klassische Musik gepflegt wurde, blieb die türkische Musik dem Westen verborgen. Auch Nuri Karademirli war, wie alle türkischen Kinder, in der Schule in der Musik des Westens unterrichtet worden.

1984: Eine Tochter wird geboren und ein Entschluss wird gefasst

In das Jahr 1984 fallen zwei Ereignisse, die das Leben der beiden Karademirlis nachhaltig verändern werden: Tochter Sinem wird geboren und sie beschließen, ein Konservatorium für türkische Musik zu errichten, eine richtige Lehranstalt soll es werden. Die Anregung dazu kommt von Nuris früherem Gesangslehrer, Prof. AlaeddinYavaşça.
Auch Halime Karademirli, die mit 18 Jahren aus Uşak, einer mittelgroßen Stadt im Westen der Türkei nahe Kütahya nach Berlin gekommen ist, alleine, ohne Deutschkenntnisse, stellt sich gerne der neuen Herausforderung: „Wir sind mit der türkischen Musik aufgewachsen, ohne Radio, ohne Fernsehen. Wir haben Musik gesungen. Das gehört zum Leben." Gemeinsam mit der früheren Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John hat sie für die Familienberatungsstelle „Fennbrücke" Hausbesuche bei türkischen Familien gemacht und festgestellt:„Dem Nachwuchs fehlt das Grundwissen über die Kultur der Türkei. Das sind doch unsere Kinder. Sie sollen auch ihre eigene Kultur kennen lernen. In einem Konservatorium für türkische Musik können wir Angebote für die ganze Familie machen und die Familien zusammenhalten."

Der Entschluss ist gefasst. Es wird ein langer und mühsamer Weg, denn zahlreiche behördliche Schwierigkeiten müssen erkannt und überwunden werden. Nicht immer gelingt es. Halime Karademirli bedauert: „Vieles haben wir nicht gewusst. Wir wussten auch nicht, wen wir fragen können. Wir haben Fehler gemacht." Als sie mit ihrer Idee eines Konservatoriums für türkische Musik an die Öffentlichkeit treten, stoßen sie bei Deutschen und Türken erst einmal gleichermaßen auf heftige Ablehnung. In der Senatsverwaltung für Schulwesen in Berlin wird Halime Karademirlis Ansinnen abgewehrt: „Was, jetzt wollt Ihr hier auch noch Eure Kultur verbreiten?" Eine türkische Illustrierte polemisiert „Ist das eine Schule oder eine Als-ob-Schule? Will da jemand das große Geld machen?"

14 Jahre lang lebt die Familie auf den Tag hin, an dem sich ihr Traum vom Konservatorium für türkische Musik erfüllen soll. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Nuri Karademirlis musikalisches Wirken in dieser Zeit nicht zu hören gewesen wäre.
Zahlreiche Konzerte werden veranstaltet. Vier Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, im Jahr 1993 wird er mit seinem Chor zum 2. Landessängerfest des Thüringer Sängerbundes e.V. (96 Chöre) nach Gera eingeladen. Parallel erarbeiten sich die Thüringer Sänger fünf Lieder der türkischen Klassik und die türkischen Chormitglieder fünf deutsche Lieder. Zum gemeinsamen Konzert am 10. Juli in Gera dirigiert Nuri Karademirli mehrere hundert Sänge

Es wird ernst – Gründung und Umzug

Nuri und Halime Karademirli halten an ihrer Vision fest. Viele Jahre haben sie davon geträumt, dass die in Berlin aufwachsenden türkischen Kinder eine Möglichkeit bekommen, die Musik ihrer Heimat kennen zu lernen. Sie träumten davon, dass sich die türkischen Einwohner Berlins gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn die Besonderheiten und Feinheiten der türkisch-orientalischen Musik erschließen, die so ganz anders ist als die europäische Harmonielehre; dass die Menschen der östlichen und westlichen Kultur gemeinsam im Chor singen, dieselben türkischen und europäischen Instrumente spielen, Konzerte geben und sich im gemeinsamen Erleben nicht nur der westlichen, sondern auch der östlichen, speziell der türkischen Musik neue Hör- und Gefühlswelten erschließen.

Jetzt wird, nach langem Nachdenken kurz entschlossen, die Elektrofirma verkauft. Ebenso verkauft Halime Karademirli ihre Eigentumswohnung in Istanbul. Das Geld wird in ein stillgelegtes Garagengelände in einem Hinterhaus an der Solmsstraße 37 in Berlin-Kreuzberg investiert. Hier entstehen auf zwei Etagen fünf Unterrichtsräume, ein Saal für Ballettunterricht, Chorproben und Volkstanz, eine Bibliothek, ein professionell ausgestattetes Tonstudio und eine Werkstatt für Instrumentenbau.

Halime Karademirli übernimmt die Geschäftsführung und verschafft dem künstlerischen Leiter des Konservatoriums und Lehrer Nuri den Freiraum für die Musik. Sie wird zuständig für die Organisation von Konzerten, Unterrichtsstunden und Chorproben, zuständig für Kontakte mit Eltern, Lehrern und Behörden, zuständig für die Finanzierung des Unternehmens „Konservatorium für Türkische Musik Berlin", als private Schule, ohne Unterstützung des Senates von Berlin oder des Bezirksamtes Kreuzberg.
Ihr Tätigkeitsbereich umfasst vom Gießen der Blumen bis hin zum Erwerb juristischer Kenntnisse schlichtweg alles, was im Konservatorium nicht direkt Musik ist.
Sie wird zum ruhenden Pol, zum Fels in der Brandung.
Sie verwirklicht ihren Namen, denn das türkische „halim" bedeutet „ausgeglichen, ruhig, verträglich, sanftmütig."

Ein stabiles Fundament und kompetente Hilfe

Nuri Karademirli, Musikdirektor des Konservatoriums legt das künstlerische Fundament. Jetzt wird es sich zeigen, ob sich seine in vielen Jahren gereiften Vorstellungen in der Praxis bewähren. Er entwickelt
- Konzepte für frühkindliche Musikerziehung und
- Konzepte für Musikunterricht im Rahmen schulischen Lernens.

Darüber hinaus entstehen sechs Fachbereiche für ein Vollzeitstudium in
- Klassischer türkischer Musik (Instrument)
- Türkischer Volksmusik (Instrument)
- Gesang (klassische Musik und Volksmusik)
- Volkstanz
- Theater
- Instrumentenbau

Grundlage sind die Lehrpläne der Konservatorien an den Universitäten in Izmir und in Istanbul. Sie werden überarbeitet und den Anforderungen in Deutschland angepasst.

Nuri Karademirli bekommt kompetente Unterstützung. Fünf Koryphäen der türkischen Musikkultur stellen ihm ihr Wissen und ihre Erfahrungen zur Verfügung:

- Prof. Alaeddin Yavaşça, Komponist, Gesangssolist, Gründungsmitglied des ersten staatlichen Konservatoriums in der Türkei; Leiter des Fachbereiches Gesang an der Technischen Universität Istanbul, Vorstandsmitglied in zahlreichen Beratungs-, Prüfungs- und Planungskomitees an Universitäten sowie bei dem staatlichen Rundfunk und Fernsehen, Leiter von Universitäts- und Rundfunkchören.

- Dr. Erdoğan Okyay, Musikpädagoge und Experte für zeitgenössische Musik, Dozent an der Hauptstadt-Universität in Ankara. Einer seiner Forschungsschwerpunkte: Die Auswirkungen von Musik auf die emotionale Intelligenz, insbesondere die Wirkung vom Ausüben der Musik auf die Intelligenz, das Sozialverhalten und die Schulleistungen von Kindern. Dr. Okyay studierte bei Eduard Zuckmayer in Ankara sowie an der Hochschule der Künste in Berlin (Promotion). In türkischer Sprache veröffentlichte er ein Werk über Johann Sebastian Bach.

- Prof. Yalcin Tura, Komponist, Experte für Musiktheorie, maßgeblicher Impulsgeber im Rahmen der türkischen Musikwissenschaft. Dozent am staatlichen Konservatorium für türkische Musik an der Technischen Universität Istanbul, Leiter des Fachbereiches Musikwissenschaft, Leiter des Konservatoriums. Ein Schwerpunkt seiner Forschung: Das mikrotonale System in den Makams der traditionellen türkischen Musik. Prof. Tura ist zudem bekannt als Komponist von Film- und Theatermusik.

- Prof. Melik Ertuğrul Bayraktarkatal, Fachgebiet Musiktheorie, Komponist von zeitgenössischer Musik. Musiklehrer. Assistent für die Lehre vom Kontrapunkt am musikpädagogischen Institut der Gazi Universität in Ankara, Dozent für Komposition am Konservatorium der Hacettepe Universität in Ankara, hier auch betraut mit Vorstandsaufgaben im Fachbereich Ethnomusik und Folklore; Professor mit Schwerpunkt Musikerziehung an der Universität des 19. Mai in Samsun. Fremdsprache: Deutsch.

- Bilge Özgen, einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten der Türkei. Im Alter von drei Jahren fiel seine besonders schöne Stimme auf und sein Vater Sabri Özgen (Oud-, Keman-, Kanunspieler - Laute, Geige, Zither) begann mit der musikalischen Erziehung seines Sohnes. In der Zeit seines Hochschulstudiums in Ankara wurde Bilge Özgen zum „König der Stimmen" gewählt. Zu dieser Zeit begann er auch sein Kompositionsstudium. Er vervollkommnete sein Oud-Spiel und erhielt als professioneller Musiker eine Anstellung bei Radio Ankara. Mehr als zehn Jahre arbeitete er darüber hinaus als „Luthier", als Zupfinstrumentenbauer. („Luthier" war z.B. auch Antonio Stradivari, einer der bekanntesten Geigenbauer überhaupt). Viele Jahre vertrat Bilge Özgen die Interessen der türkischen Musikschaffenden in der MESAM, der türkischen Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte.
Für sein musikalisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt.

Das Konservatorium beginnt zu tönen

Am 23. September 1998, an einem Mittwoch, wird aus dem Traum der Familie Karademirli Wirklichkeit. Das Konservatorium eröffnet mit rund 150 Schülern im Alter von 16 bis 25 Jahren den Lehrbetrieb. Sieben Lehrer unterrichten. Sie stammen aus der Türkei, aus Russland, aus Usbekistan und aus Deutschland. Alle haben qualifizierte Abschlüsse von Kunsthochschulen und Universitäten ihres Landes.
Bei einem Dozenten der Universität der Künste Berlin (UdK, vormals Hochschule der Künste), mit der das Konservatorium einen Kooperationsvertrag geschlossen hat, lernen die Schüler und Studenten als Grundlage das europäische Musiksystem. Danach können sie ein Instrument wählen und sich für die türkische klassische oder für die türkische Volksmusik entscheiden.

Unterricht wird angeboten für
- klassische europäische Instrumente wie Geige, Gitarre, Klavier und Klarinette,

- türkische Instrumente wie die Kemence (kleine Geige), die Ney (Schilfrohrflöte),

- Zupfinstrumente:
Bağlama/Saz (türkische Laute, je nach Halslänge unterscheidet man in
Langhalslaute und Kurzhalslaute). Sie ist das Instrument für die türkische Volksmusik,

- Oud ( Kurzhalslaute, im Orient bekannt seit dem 10. Jh.n.C.). Auf der Oud spielt man die klassische türkische Musik,

- Tanbur ( Langhalslaute; schon der Prophet David soll dieses Instrument gespielt haben),

- Kanun (eine Form der Zither, die im Orient beheimatet ist).

Nuri Karademirli selbst lehrt mit unermüdlicher Geduld, feinem pädagogischen Einfühlungsvermögen und wohl dosierter Strenge seine türkischen und deutschen Schüler Gesang, Bağlama, Oud und Kanun.
Im Theorieunterricht bringt er den Studenten die orientalisch-türkische Harmonielehre nahe. Leichte, aber wirkungsvolle Tonunterschiede in der türkischen Musik (ein ganzer Ton kann in neun unterschiedliche Töne aufgeteilt werden) wirken für mit europäischer Musik vertraute Hörer zunächst befremdlich. Während im westlichen, dem sog. Temperierten Tonsystem eine Oktave gleichmäßig durch zwölf geteilt wird, hat die Oktave in der türkischen Musik 24 Töne, ungleichmäßig geteilt.

Darüber hinaus können die zum Teil asynchronen Takte das Hörerlebnis der Deutschen durchaus irritieren. Dennoch gelingt es dem leidenschaftlichen Lehrer, seinen Zuhörern über theoretisches Wissen hinaus die Gefühlsqualität von einzelnen Tönen und von den Tonleitern (Makams) der fremden Harmonielehre zu vermitteln.
Neben der Harmonielehre wird Osmanisch, Musikgeschichte und Landeskunde gelehrt.

Nuri Karademirli, der einen Lehrauftrag an der Universität der Künste Berlin übernommen hat, kann seinen Studenten Unterricht in beiden Institutionen anbieten oder vermitteln.
Geprüft werden Schüler und Studenten vierteljährlich von Professoren des musikpädagogischen Institutes der „Gazi Universität" in Ankara, der „Hacettepe Universität" in Ankara, der „Haliç Universität" und der „Technischen Universität" in Istanbul sowie der „Universität des 19. Mai" in Samsun. Für die Flugkosten der Dozenten kommt die Musikstiftung einer einflussreichen türkischen Familie auf, die „Sevda Cenap Musik Vakfı" in Ankara. Geprüft werden Begabung, Musikverständnis, Hör- und Aufnahmeverständnis, Takt- und Rhythmusbildung.

Das Konservatorium wird straff geführt. Zwei Regeln sind vorgegeben:
Nuri Karademirli strebt keine Synthese von türkischer und deutscher Musik an. Jeder Musikstil soll für sich stehen und seinen spezifischen Charakter entfalten und entwickeln.
Jeder Musikinteressierte ist gleichermaßen willkommen. Es wird nicht unterschieden zwischen Deutschen, Türken und Kurden, Sunniten und Aleviten. Hautfarbe und Religion spielen keine Rolle.

Von Beginn an wird das Konservatorium für türkische Musik von der Senatsverwaltung für Schule als „Ergänzungsschule" gem. § 9 des Privatschulgesetzes und als „Künstlerische Schule" bestätigt. Seine Abschlussdiplome allerdings werden nicht anerkannt. Da es in Berlin eine Ausbildung in türkischer Musik nicht gebe, hätten die Senatsverwaltungen für Schule und für Wissenschaft und Forschung auch keine Bewertungskriterien für eine Beurteilung der Leistungen, so steht es, unter anderem, in der Ablehnungsbegründung.
Für die Studenten bedeutet es, dass ihr Diplom vom Konservatorium für türkische Musik Berlin (BTMK) in Deutschland keinen Wert hat. Für das Konservatorium hat die Nicht-Anerkennung seiner Diplome zur Folge, dass es keine finanzielle Unterstützung erhält, weder vom Bezirk noch vom Senat von Berlin.
Trotz dieser Absage finden die Angebote des Konservatoriums großes Interesse, nicht nur bei den in Berlin lebenden Türken. Heute wird das Konservatorium durchschnittlich von 250 Schülern besucht.

Wirkung in Berlin hinein und über die Stadt hinaus

Hatten sich die Vorbereitungen bis zur Gründung des Konservatoriums auch lange hin gezogen - nach dem Start gibt es für Halime und Nuri Karademirli keine Pause mehr. Das Konservatorium entwickelt sich zu einem Zentrum für türkische Musik, das in die Hauptstadt Berlin hinein und über die Stadt hinaus wirkt. In Berlin ist das Konservatorium im Ausbildungsbereich mit zahlreichen Integrationsprojekten sowie Grundschulen und Bibliotheken vernetzt, in denen z.B. Workshops für Instrumentenkunde angeboten werden.

Um in Berlin noch effektiver wirken zu können, wird das Konservatorium im Jahr 2000 Mitglied der „Gesellschaft für türkische Musik in Berlin e.V." (GFTM e.V.), einem Verein „für die Förderung von Weltmusik, Förderung musikalischer Ausbildung, Entwicklung entsprechender Programme und Lehr- und Lernmaterialien". So gestaltet das Konservatorium z.B. als Partner von „die gelbe Villa", einem Kreativ- und Bildungszentrum für Kinder, Schulprojektwochen, Freizeitkurse und Sommerferienwerkstätten. Zielgruppe sind Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren, insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund. Sie können verschiedene Musikstile aus unterschiedlichen Kulturen kennen lernen, selber musizieren, ein Instrument bauen und eine eigene musikalische Choreographie in einem Tanz umsetzen und, im gemeinsamen Lernen, ihre interkulturelle Kompetenz erweitern.

Reisen, Preise und Nasreddin Hoca aus dem Tonstudio

Die Aktivitäten des Konservatoriums entwickeln sich vielfältig und bunt. Im Jahr 2000 fahren Chor und Ensemble des Konservatoriums für zwei Wochen nach Taiwan, zum asiatischen Musikfestival. Sie stellen religiöse und türkische klassische sowie Tanzmusik vor. Nuri Karademirli macht in Workshops die Festivalteilnehmer mit den türkischen Instrumenten Oud und Bağlama vertraut. Die Reise findet übrigens im Namen der Regierung der Republik Türkei statt. Nuri Karademirli: „Wir haben die türkische Kultur von Deutschland aus präsentiert."
In Berlin gewinnen die Absolventen des Konservatoriums Preise. Bei jährlich von dem staatlichen türkischen Fernseh- und Rundfunksender TRT in Berlin veranstalteten Gesangswettbewerben belegen Schüler des Konservatoriums die ersten Plätze.

Das Konservatorium wächst. Im Jahr 2002 richten Halime und Nuri Karademirli zusätzlich ein Tonstudio ein, in dem neben Musik-CD's und Hörbüchern (Geschichten des Nasreddin Hoca) Teile des Soundtracks zu dem Hollywoodfilm „In 80 Tagen um die Welt" (in einer der Hauptrollen Jackie Chan) produziert werden. Arnold Schwarzenegger, heutiger Gouverneur von Kalifornien stellte den Prinzen Hapi dar, der in einer Szene die Oud spielt. Nuri Karademirli lehrte ihn die Grundgriffe und agierte im Film, gekleidet in osmanische Gewänder mit einem osmanischen Fes auf dem Kopf, gar als Schwarzeneggers „rechte Hand".

2003 kommt es zu einem gemeinsamen Konzert von Türken und Griechen. Das Konservatorium veranstaltet in der „Werkstatt der Kulturen" in Berlin mit Solisten aus Griechenland und der Türkei ein „Treffen der Ägäis", mit großem Erfolg. Nuri Karademirli: „Wir wollten zeigen, dass nicht die griechischen und türkischen Menschen miteinander verfeindet sind. Gegnerschaft geht von den Politikern aus."

Heraus aus der Ecke, hinein in den Karneval der Kulturen

Im Jahr 2004 organisiert Halime Karademirli die erste Teilnahme des Konservatoriums am Umzug des Karnevals der Kulturen, einer Berliner Großveranstaltung mit Tradition. Bislang sind türkische Gruppen dort kaum vertreten. Ein großer Teil der türkischen Berliner grenzt sich zu diesem Zeitpunkt noch mit aller Entschiedenheit gegenüber der deutschen Kultur ab. Ihr Argument: In der türkischen Kultur gebe es keinen Karneval. Daher sei es unpassend, wenn sich Türken am Karneval der Deutschen beteiligten.

Für die Geschäftsführerin des Konservatoriums dagegen ist der Karneval der Kulturen eine Gelegenheit, die Vielfalt der türkischen Kultur zu zeigen. Jetzt arbeitet sie mit ihrer Tochter Sinem zusammen, die im Jahr 2003 die Volkstanzgruppe des Konservatoriums übernommen hat. Im Alter von sechs Jahren stand für sie fest „Ich werde Tänzerin". Im „Tüfoyad" lernt sie zehn Jahre lang bei Lehrern der türkischen Tanzuniversität Volkstanz und wird bei mehreren Veranstaltungen im Ausland zur Botschafterin des türkischen Volkstanzes.
Monatelang probt sie mit den Kindern der Tanzgruppe des Konservatoriums für den Karneval der Kulturen die verschiedenen Tänze der türkischen Regionen, bei der Veranstaltung tragen sie die dazugehörigen Kostüme. Die Kinder sind begeistert und
Halime Karademirli ist zufrieden: „Die Kinder wollten unbedingt auch die anderen Nationen im Karneval der Kulturen sehen, Menschen mit anderer Hautfarbe und anderen Kostümen und sie wollten die andere Musik hören, die sie noch nicht kannten. Die Kinder waren viel aufgeschlossener als die Erwachsenen."

Das Jahr 2004 bringt eine besondere Ehrung. Die Jury des Festivals „musica vitale 2004", das von „RBB radiomultikulti", der „Werkstatt der Kulturen" und „AL Globe" veranstaltet wird, zeichnet das Konservatorium mit dem Ehrenpreis aus. „Ein Blickfang für die Stadt Berlin" sei das Konservatorium, ein „Stück Lebensqualität an der Spree" und „ein türkisches Fundament für das Berliner Musikleben", so preisen die Juroren des world wide music award das Werk von Halime und Nuri Karademirli.

In der Instrumentenbauwerkstatt entstehen neue Ouds

Zwei Jahre nach Einrichtung des Tonstudios wird das Konservatorium um ein neues Ausbildungsangebot erweitert: eine Instrumentenbauwerkstatt, geleitet von einem türkischen Instrumentenbaumeister und von der Handwerkskammer Berlin als Ausbildungsstätte anerkannt. Die Ausbildung kann als private Umschulung und als Weiterbildung erfolgen. Die Bewerber müssen mindestens einen Realschulabschluss haben, Praxiserfahrung in einem ähnlichen Beruf und musikalische Vorkenntnisse.Finanzielle Unterstützung von den Arbeitsagenturen und dem Jobcenter ist möglich.

Als erste nutzen Georg Masswig und Yiğit Elvis İlgü diese Chance. Zwei Jahre lang wird ihre Ausbildung von der Arbeitsagentur gefördert. Im Sommer 2009 haben sie mit dem Bau einer Oud und nach Bestehen einer Zwischenprüfung den ersten Teil ihrer Lehrzeit beendet. Ein weiteres Lehrjahr steht noch vor ihnen.

Zum Unterricht an der Berufsschule und zur Prüfung müssen Georg Masswig und Yiğit Elvis İlgü allerdings von Berlin nach Oberbayern reisen, zur Musikinstrumentenbauschule Mittenwald, da es in Berlin keine entsprechende Ausbildungsstätte gibt. Im Lauf der Zeit hat sich die im Jahr 1858 gegründete „Geigenbauschule Mittenwald" zu einem Kompetenzzentrum des Musikinstrumentenbaues entwickelt, das heute Berufsausbildung im Geigen-, Bogen-, Zupf-, Holz- und Metallblasinstrumentenbau anbietet. In zwei mehrwöchigen Blöcken pro Ausbildungsjahr lernen die Schüler z.B. Theorie und Praxis des modernen und historischen Zupfinstrumentenbaues. Die Ausbildung schließt ab mit der Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer.

Anerkennung von allen Seiten, aber keine Unterstützung

Das „Private Konservatorium für türkische Musik in Berlin" hat im kulturellen Leben der Hauptstadt seinen Platz gefunden und behauptet. Es bereichert nicht nur das Musikleben um eine kräftige Farbe aus einer anderen Kultur, sondern leistet seit Jahren einen bedeutenden Beitrag zur Integration der Berliner mit türkischen Wurzeln. Besonders Kinder und Jugendliche profitieren davon, dass sie hier die Musikkultur ihres Heimatlandes kennen lernen können. Deutsche haben die Möglichkeit, sich unter professioneller Betreuung mit der fremden Musik vertraut zu machen.

Schüler des Konservatoriums werden mittlerweile selber zu Brückenbauern und Transporteuren der Musikkultur. Mario Rispo, ein Schüler Karademirlis pendelte für Jahre zwischen Hamburg und Berlin, um im Konservatorium türkischen Gesang zu studieren. Mittlerweile wird er in einer eigenen deutsch-türkischen Show von Publikum und Kritikern in Deutschland und in der Türkei gleichermaßen bejubelt. „Mein Istanbul – Lieder der Sehnsucht. Hüzün – benim Istanbulum" ist der Titel seiner musikalischen Liebeserklärung an die alte Metropole am Bosporus, in der er moderne und traditionelle türkische Lieder vorstellt, eingebunden in persönliche Erfahrungen.

Trotz großer kultureller und großer Integrationsleistungen des Konservatoriums, die wortreich von Politikern der verschiedenen Richtungen gewürdigt werden, gibt es für diese Einrichtung nach wie vor keinerlei Unterstützung, weder vom Senat von Berlin noch vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Karademirlis haben aufgehört, nach Erklärungen für diesen Widerspruch zu suchen. Sie machen einfach weiter.

Nuri Hoca unterrichtet acht bis zehn Stunden am Tag Gesang, Baglama, Oud, Kanun und Theorie, veranstaltet Workshops in Berlin und außerhalb, leitet seinen Chor und sein Ensemble, dirigiert Konzerte und komponiert. Halime Hanım meistert mit Sachverstand und unerschütterlichem Charme die Geschäftsführung. Ruhig und konzentriert verläuft der Alltag im Konservatorium. Selbst, wenn bei den letzten Proben vor einem Konzert alle durcheinander wieseln - es geschieht ohne Hektik.

Ein Treffen in der Mitte der Brücke: KlangKulturen

Einer der Höhepunkte im Wirken des Konservatoriums ist die Konzertreihe „KlangKulturen", veranstaltet mit den Orchestern und Chören der „Rundfunk Orchester und Chöre GmbH Berlin" (ROC). Die ROC ist einer der größten Konzertveranstalter in Berlin und versteht sich als „kultureller Botschafter", der mit seinen Ensembles in Deutschland, Europa und Übersee konzertiert. Für ihr Anliegen eines deutsch-türkischen Musikaustausches konnte sie keinen besseren Partner finden als das Konservatorium für türkische Musik Berlin.

2007 startet die Reihe klassisch mit einem Symphoniekonzert in der Philharmonie Berlin. Chor und Ensemble des Konservatoriums führen gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin Werke türkischer Komponisten auf.
Höhepunkte werden die Uraufführung der Suite „Alla turca", komponiert von Nuri Karademirli und von ihm selber dirigiert sowie das von dem Komponisten und Pianisten Fazil Say komponierte und gespielte Klavierkonzert „Anadolu'nun Sessizliği" (Die Stille Anatoliens"). Der Dirigent Ibrahim Yazıcı begeistert mit Tanzmusik und das „Denkmal" des türkischen Musiklebens, Alaeddin Yavaşça, Karademirlis früherer Gesangslehrer, wird für seine Solos türkischer Klassik mit stehenden Ovationen gefeiert. Die Philharmonie bebt.

In einem zweiten Konzert, diesmal für die ganze Familie, verändert das kulturübergreifende musikalische Team Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Deutsche Streicherphilharmonie und Ensemble des Konservatoriums für türkische Musik Berlin (BTMK) gewissermaßen die Temperatur der Gefühle und führt die im ganzen Orient bekannte traurige Liebesgeschichte von „Leila und Madschnun" auf, komponiert von Yalcin Tura.
Der „Karneval der Tiere" von Camille Saint Saens setzt den europäischen Kontrapunkt. Moderiert wird diese Veranstaltung auf Deutsch und auf Türkisch.
In der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche zeigen Chor und Ensemble des Konservatoriums gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin, wie gut christliche und islamische Fest- und Feiertagslieder trotz ihrer Verschiedenheit miteinander harmonieren.
Im Haus der Kulturen der Welt präsentieren Chor, Ensemble und Tanzgruppe des Konservatoriums für türkische Musik (BTMK) gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor deutsche und türkische Volkslieder und Tänze.

KlangKulturen 2009/2010: Der Auftakt im Haus der Kulturen der Welt vereint die jungen Leute vom Rias Jugendorchester (klassisch) mit dem Ensemble für türkische Musik Zülfü Livanelis, den sie gemeinsam harmonisch und temperamentvoll auf ihren europäisch klassischen und typisch türkischen Instrumenten begleiten. Nuri Karademirli brilliert an diesem Abend als Mitglied von Livanelis Ensemble mit einem Solo auf seiner Oud. Eingestimmt werden die Zuhörer auf dieses Generationen- und Kulturenübergreifende Musikereignis durch den Kinderchor der Regenbogenschule in Leverkusen, der mit dem Kinderchor des Konservatoriums für türkische Musik Berlin (BTMK) einige der bekanntesten Volkslieder Zülfü Livanelis' um die Wette schmettert. Es ist eine Sternstunde im Zeichen beidseitiger Integration.

Brücken sind keine Einbahnstraßen

Halime und Nuri Karademirli bringen ein Kapital von unschätzbarem Wert in ihre Arbeit ein – ihre Kenntnis beider Kulturen, ihre Kooperationspartner in Deutschland und ihre Vernetzung im Kulturleben der Türkei. Ihrer Verbundenheit mit den führenden Künstlern der Türkei ist es zu verdanken, wenn Zülfü Livaneli und Alaeddin Yavaşça mit ihren Liedern in Berliner Konzertsälen die Zuhörer betören.

Tritt Fazil Say, ein Komponist und Pianist mit internationalem Renommee im Rahmen der KlangKulturen-Konzerte in der Berliner Philharmonie auf, dann kommt er als Bekannter der Familie Karademirli. Fazil Say, der in Berlin studiert hat, spielte in nahezu allen bedeutenden Konzertsälen in Europa und in den USA und wurde von der EU für das Jahr 2009 zu einem „Botschafter des interkulturellen Dialogs" ernannt.

Für das Jahr 2010 streben Nuri und Halime Karademirli den nächsten Höhepunkt ihres Wirkens als Brückenbauer an. Bislang haben sie die türkische Kultur nach Deutschland gebracht. Da Brücken keine Einbahnstraßen sind, wollen sie jetzt auch den Weg in die andere Richtung gehen, nach Istanbul, einer von vier Kulturhauptstädten Europas 2010. Dort sollen die Orchester und Chöre der ROC Berlin die Istanbuler Musikkultur und die Istanbuler Türken sollen die deutschen Musiker kennen lernen. Geplant sind gemeinsame Konzerte von deutschen, deutsch-türkischen und türkisch-türkischen Musikern.

Kultureller Brückenbau hat eine Jahrhunderte alte Tradition

Istanbul ist geografisch in einen großen asiatischen und einen kleinen europäischen Teil aufgeteilt. Istanbul ist auch der Ort, an dem türkische klassische Musik, Volks- und religiöse Musik in der Vergangenheit ihren Höhepunkt erlebten und ein Ort, an dem Sultane in den letzten Jahrhunderten des Osmanischen Reiches die Musik des Westens aufführen ließen. Östliche und westliche Musik lebten hier nebeneinander und vermischten sich, nahmen Elemente der jeweils anderen Musikkultur auf.

In der 1923 gegründeten Republik Türkei wurde diese Entwicklung fortgesetzt. Der
Republikgründer Kemal Paşa Atatürk, später „Atatürk" (Vater der Türken) genannt, war ein großer Verehrer der westlichen Kultur und strebte z.B. ein Musikleben in der Türkei nach westlichem Vorbild an.

Er schickte fünf der ersten professionellen Komponisten der Türkei (bekannt geworden unter dem Namen „Die türkischen Fünf") nach Europa, damit sie lernten, die musikalische Tradition ihrer Heimat mit westeuropäischer Kompositionstechnik zu verbinden. Nach Deutschland kamen Adnan Saygun (Pianist, Komponist, Musiker und Musikwissenschaftler) und Ferid Alnar (Kanunspieler, Dirigent, Komponist und Kompositionslehrer). Beide machten Atatürks Auftrag zu ihrer eigenen Sache.

Jüdische Künstler finden in der Türkei Zuflucht vor den Nazis

Atatürk reagierte auch auf die politische Situation in Deutschland. Als immer mehr jüdische und auch sozialistische Wissenschaftler und Künstler vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen mussten, um ihr Leben zu retten, hieß Atatürk sie in der Türkei herzlich willkommen.

Der Komponist Paul Hindemith, dessen Werke von den Nationalsozialisten boykottiert wurden, übernahm es auf Atatürks Wunsch, das gesamte türkische Musikleben zu reformieren. Der Pianist und Komponist Eduard Zuckmayer, dessen Kompositionen in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden durften (das gesamte Notenwerk wurde vernichtet), baute in Ankara das musikpädagogische Institut der Gazi Universität auf und leitete es bis 1970. Sein Bestreben war es, eine Synthese zeitgenössischer westlicher und traditioneller türkischer Musik herzustellen. Er integrierte Elemente der deutschen Jugendmusik in die türkische Musikpädagogik und war bis 1970 für die Ausbildung fast aller türkischen Musiklehrer zuständig.

Auch Carl Ebert, Opern-Intendant am Staatstheater Darmstadt und später Intendant und Generaldirektor der Städtischen Oper Berlin, ein überzeugter Sozialist, der von den Nationalsozialisten als „Kulturbolschewist" verunglimpft und seiner Ämter entbunden wurde, emigrierte in die Türkei. Atatürk übertrug ihm die Erneuerung des Opern- und Sprechtheaters. Innerhalb von fünf Jahren baute Ebert ein Nationaltheater aus, für Schauspiel und für Oper.

Gemeinsam übernahmen Ebert und Hindemith die Verantwortung für die künstlerische Ausbildung der jungen Türken. 1938 gründete Carl Ebert die Staatsschule für Schauspiel und Oper am Staatlichen Konservatorium in Ankara. Er übernahm auch die Leitung und ließ unter der musikalischen Leitung des Dirigenten Ernst Prätorius in Ankara als erste Oper „Bastien und Bastienne" von Mozart aufführen. Das war 1941. Der 1938 gestorbene Atatürk erlebte diesen Erfolg seiner Reformbestrebungen nicht mehr.

Brückenbau im Zeitalter der Globalisierung

In dieser Jahrhunderte alten Tradition von Grenzen und Kulturen überschreitender Verständigung, getragen von der Kraft der Musik bewegen sich heute, im Zeitalter der Globalisierung, Nuri und Halime Karademirli.
Ihre Vision reicht weit über die Wirksamkeit ihres Konservatoriums für Türkische Musik Berlin (BTMK) hinaus. Wenn sie mit ihren deutschen und türkischen Musikern in die Türkei reisen oder Repräsentanten der türkischen Musik in deutsche Konzertsäle einladen, dann wollen sie mit der Musik auch einen Weg in eine friedliche Zukunft für die ganze Welt bahnen. Dann hoffen sie auf Verständigung und Freundschaft. Jeder einzelne, der von Musik in seinem Herzen berührt wird, soll an einem weltweiten Haus von Freundschaft, Brüderlichkeit und Mitgefühl bauen.

Diese Hoffnung richten die Brückenbauer Nuri und Halime Karademirli auf Deutsche und Türken und ganz besonders auf die in Europa lebenden Türken. Denn sie haben die besten Möglichkeiten, mit den Menschen der anderen Kultur Freundschaft zu schließen. Sie sind „vor Ort", sie teilen einen gemeinsamen Alltag und sind auf diese Weise die eigentlichen Garanten dafür, dass diese kulturübergreifenden Freundschaften Bestand, eine Zukunft haben können. Sie können als Botschafter zwischen den Kulturen wirken, selber getragen und inspiriert von der Kraft der Musik.


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